In den letzten Jahren kamen durch theoretische Berechnungen der Kräfte, die die Kohäsionstheorie voraussetzt, Zweifel an deren Gültigkeit auf (Zimmermann 1993, Canny 1995): Zur Überwindung einer Höhe von ca. 100
Kann die Wassersäule einem solchen Druck standhalten oder zerreißt sie und bildet dabei Luftblasen, die die Wassersäule dauerhaft unterbrechen (Embolismus)?
Wie sieht es mit den Adhäsionskräften aus? Können diese selbst bei einem solchen Druck die Wassersäule immer noch nach oben ziehen?
Falls ja, muss es nicht zwangsläufig zu Reibungsverlusten kommen, die die Wassersäule ebenfalls bremsen?
U. Zimmermann (1989) konnte über exakte Messungen des Wasserpotenzials in lebenden Pflanzen (Mikrokapillar-Manometer) nachweisen, dass folgende Vorgaben der Kohäsionstheorie nicht gegeben waren:
Das in verschiedenen Pflanzen gemessene Wasserpotenzial lag im Bereich von -0,2 bis 0,2
Die Messungen zeigten deutlich, dass das Zerreißen der geschlossenen Wassersäule und Auftreten von Embolismus selbst bei einem niedrigen Wasserpotenzial von -0,2
Es stellt sich daher die Frage, wie die Pflanzen diese Probleme lösen. Hierzu wurde 1995 von M. J. Canny die sogenannte Druckausgleichs-Hypothese (compensating pressure theory) formuliert. Diese baut auf den Turgor auf, einem Zellinnendruck, der ausreichend hohe Werte einnehmen kann, dass z.B. Keimlinge eine Asphaltdecke durchstoßen können.
Der Theorie zufolge werden als Ummantelung des abgestorbenen Xylems spezialisierte Zellen angenommen, die ihren Turgordruck auf die Wassersäule übertragen, indem sie aktiv Zellwasser in das Xylem abgeben (reverse Osmose). Dadurch könnten auftretende Luftblasen mit Wasser gefüllt und die Wassersäule geschlossen werden. Wie bei der Kohäsionstheorie ziehen also Transpiration und Evaporation von Wasser in den Blättern eine Wassersäule durch das Xylem hinauf. Der unzureichende Transpirationssog wird jedoch durch lebende Zellen unterstützt, die um das Xylem herum angesiedelt sind und den Druck auf die Wassersäule durch aktive Wasser-Abgabe erhöhen. Addiert man alle Komponenten dieses Modells, sind die Wasserströme in den höchsten Bäumen der Welt erklärbar (Canny 1998). Dennoch ist Cannys Theorie umstritten (Comstock 1999).