Aus den Experimenten, die C. Anfinsen und andere nach ihm durchgeführt haben, konnte gefolgert werden, dass die native Struktur von Proteinen einen thermodynamisch stabilen Zustand darstellt und damit dem globalen Minimum der ihnen zugänglichen Gibbs-Energie entspricht. C. Levinthal hat das Paradox aufgeworfen, dass ein Protein aber gar nicht genug Zeit hat, um zufällig die Nadel im Heuhaufen (bzw. das Loch im Golfplatz, s.u.) zu finden. Trotzdem schafft es eine beliebige Zelle spielend, im Bruchteil einer Sekunde ein einzelnes Protein-Molekül zusammenzubauen und korrekt zu falten.
Levinthals Antwort war, dass es einen bestimmten Pfad (folding pathway) geben muss, dem ein Protein bei seiner Faltung folgt und auf dem es dadurch genügend schnell an sein Ziel kommt. Ein Protein-Molekül, das sich im denaturierten Zustand (U) befindet, würde unter geeigneten Bedingungen unweigerlich eine vorgegebene Folge von Konformationen (Zwischenzuständen) durchlaufen, bis es in den nativen Zustand (N) gelangt.
Der Faltungsweg
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Die neue Vorstellung von der Proteinfaltung (in der Fachsprache der Faltungstheoretiker auch new view genannt) kann diesen (scheinbaren) Widerspruch aufheben und damit das Levinthal-Paradox auflösen. Sie beruht auf Fortschritten sowohl bei experimentellen Methoden als auch bei theoretischen Modellen. Insbesondere Modelle aus der statistischen Mechanik erlauben eine Blickweise, die das Pfadkonzept eines sequentiellen Faltungsprozesses ersetzt durch ein Trichter-Konzept von parallelen Ereignissen. Danach werden die makroskopischen Größen, die experimentell bestimmt werden, als Faltungsindikatoren (wie z.B. spektroskopische Parameter) verstanden, als Ergebnis eines Ensembles mikroskopischer Zustände, die durchaus unterschiedlich sein können.
Der Faltungstrichter
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Vielleicht gehen (manche) Proteine auch einen Mittelweg zwischen dem Pfad- und Trichter-Modell. In Moleküldynamik-Untersuchungen der Gruppe von M. Karplus wurde die Entfaltung des Chymotrypsin Inhibitor 2 simuliert. Es ist bekannt, dass dieser Inhibitor ein Zwei-Zustandsverhalten zeigt, wobei der gleiche Übergangszustand für Faltung und Entfaltung durchlaufen wird. Die Simulationen ergaben, dass eine große Vielfalt der einzelnen Faltungswege mit teilweise großen strukturellen Unterschieden zu beobachten war, was dem new view entsprechen würde. Aber trotzdem ließ sich ein statistisch bevorzugter Entfaltungs-Pfad erkennen. Insofern konnten das alte und neue Konzept zusammengeführt werden, indem zwar eine Trichter-ähnliche Energielandschaft vorliegt, auf der jedoch ein bestimmter Pfad bevorzugt beschritten wird.
Die Abbildungen wurden modifiziert nach K. Dill et al. (http://www.dillgroup.ucsf.edu).