Konformationsanalyse
Chemische Bindungen sind nicht starr, sondern sind abhängig von sterischen Wechselwirkungen und dem sich daraus
ergebenden Potenzial mehr oder weniger frei drehbar. Dadurch haben selbst einfache Moleküle keine streng definierte Gestalt,
sondern können mehrere Konformationen einnehmen.
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| Abb.1Die Konformationen von n-Butan |
Butan-Konformere: Das n-Butan CH3CH2CH2CH3 ist ein linear aufgebauter Kohlenwasserstoff mit einer zentralen
C-C Bindung und zwei terminalen Methyl-Gruppen (Me). Die zentrale
C-C Bindung ist prinzipiell frei drehbar, wird aber in energetisch
günstigen Torsionswinkeln stabilisiert, wodurch das Molekül in diesen Positionen quasi einrastet.
Der Torsionswinkel wird über die Winkelstellung der beiden Methyl-Gruppen zueinander definiert.
Stehen diese auf Deckung, entspricht dies 0°. Diese Stellung wird als vollekliptische oder
synperiplanare Konformation bezeichnet und ist durch das Gegenüberstehen der beiden terminalen
Methyl-Gruppen die energetisch ungünstigste Position. Verdreht man die vordere gegen die hintere
Methyl-Gruppe, so erreicht man bei 60° (und wieder bei 300°) eine wesentlich
günstigere Konformation, in der die Terminalen auf Lücke stehen. Diese Stellung wird als gestaffelt
(staggered) bezeichnet - die Methyl-Gruppen stehen "gauche" zueinander.
Bei einem Torsionswinkel von 120° bzw. 240° gerät eine der Methyl-Gruppen in Deckung
mit einem Wasserstoff-Atom der anderen Terminale. Wie bei 0° liegt somit wieder eine
ekliptische Konformation vor, die jedoch energetisch nicht ganz so ungünstig ist wie die
vollekliptische Stellung. Durch optimale Staffelung wird bei 180° die energetisch günstigste
Stellung erreicht. Dieser Spezialfall einer gestaffelten oder staggered
Konformation wird auch als trans- oder anti-Stellung bezeichnet.
Lenken Sie bitte die Maus über die in Newman-Projektion dargestellten Konformere. Ein Mausklick auf
die farblich veränderten Kreise öffnet ein PopUp-Fenster der 3D-Struktur des jeweiligen
Konformers.
(1)BeschreibungDie Anzahl der theoretisch möglichen Konformere (NK
) bestimmt sich aus dem Quotienten zwischen 360° und dem Winkelabstand (Δφ), in dem
der Torsionswinkel verändert wird, und der Anzahl drehbarer Bindungen (
n
).
Die Anzahl der möglichen Konformere ist von der Art der Atome oder Gruppen, die an einer drehbaren Bindung beteiligt
sind, abhängig. In der Regel gibt es ein globales Energieminimum, dem die energetisch günstigste Konformation entspricht,
sowie mehrere etwas weniger günstige Konformationen, die an lokalen Energieminima stabilisiert werden. Die Lage dieser
Minima kann z.B. über systematische Simulationen der Torsionswinkel in den so genannten
Kraftfeldrechnungen berechnet werden, wobei alle relativen Energieminima einer möglichen Konformation
des Moleküls entsprechen. Die Anzahl der theoretisch möglichen Konformationen für ein Molekül (nicht-identische Anordnungen
der Atome eines Moleküls, die durch Veränderung der Torsionswinkel von einer oder mehreren Einfachbindungen entstehen),
steigt mit der Anzahl der Bindungen exponentiell an:
Testet man daher beim n-Butan den Torsionswinkel einer frei drehbaren C-C-Bindung statt, wie im
Beispiel, mit einer Schrittweite von 60°, sondern mit einer in der Konformationsanalyse üblichen Schrittweite von
10°, so erhält man statt 6 bereits 36 Konformere. Untersucht man ein Molekül mit vier drehbaren Bindungen, die in
Torsionswinkeln von jeweils 60°-Schritten verändert werden, erhält man bereits
(360:60)4 oder 1296 verschiedene Konformationen. Benützt man statt 60 das in der
Konformationsanalyse übliche Winkelintervall von 10°, so sind es sogar 1.679.616 Konformere. Selbst wenn man zur
Berechnung der Energie eines der Konformere nur 1 Sekunde benötigt, dauert die ganze Suche bereits mehr als 19 Tage. Daher
ist die systematische Methode nur für kleinere und mittelgroße Moleküle durchführbar. Für die Berechnung der Konformationen
großer Moleküle wie z.B. Peptide und Proteine, die oft hunderte oder tausende drehbarer Bindungen enthalten, benötigt man
andere Verfahren. In diesen Fällen geht Studieren doch über Probieren. Man verwendet statistische Verfahren, die auf der
Berechnung von Zufallswahrscheinlichkeiten beruhen. Eine besonders weit verbreitete Technik sind die so genannten
Monte-Carlo-Verfahren.