Die Geschichte des Wirkstoffdesigns ist gleichzeitig auch die Geschichte der Arzneimittelforschung. Vier Abschnitte sind erkennbar:
1. Die Volksmedizin oder traditionelle Medizin stellt die eigentliche Grundlage der Arzneimittelforschung dar. Unzählige Heilpflanzen sind bereits seit dem Altertum bekannt. In jüngster Zeit stehen traditionelle Heilmethoden, auch die anderer Kulturen wie der Chinas oder Indiens, wieder im Mittelpunkt des Interesses pharmazeutischer Forschung. Das erste wissenschaftlich anspruchsvolle Arzneibuch des Altertums ist die "De Materia Medica" des Dioskurides (griechischer Arzt im 1. Jahrhundert n. Chr.) mit Beschreibungen von 600 Heilpflanzen, 35 Tierprodukten und 90 Mineralien. Dieses Buch galt bis in die Renaissance hinein als wichtige Quelle. Paracelsus (1493-1541) machte die Inhaltsstoffe der Pflanzen, die Quinta essentia, für deren heilende Wirkung verantwortlich.
Bis in das 19. Jahrhundert hinein waren nahezu alle Medikamente ausschließlich Naturprodukte. 1806 gelang Sertürner die Isolierung von Morphin aus Opium und Coffein aus Kaffee. Dies leitete ein Jahrhundert der Reindarstellung und Synthese der Wirkstoffe pflanzlicher Naturstoffe ein. Damit war es in der Geschichte der Medizin erstmals möglich, Wirkstoffe genau zu dosieren.
Alkaloide als Natur- und erste Syntheseprodukte
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Während die Volksmedizin eher auf zufälligen, aber teilweise über Jahrhunderte hinweg gesammelten Beobachtungen beruht, begann im 19. Jahrhundert die Untersuchung biologischer Wirkunkungsweisen von Arzneimitteln, Giften und neuen synthetischen Substanzen am Tiermodell. Die eigentliche pharmakologische Forschung ist recht jung: erst 1847 wurde im heutigen Tartu (Estland) das erste pharmakologische Institut gegründet. Da im Tierversuch wichtige Eigenschaften des menschlichen Organismus leicht übersehen werden können (die Contergan-Tragödie mag als warnendes Beispiel gelten!), wurde der Bedarf an einfachen in vitro -Modellen und molekularen Testsystemen immer deutlicher.
Tierversuche sind zeit- und kostenintensiv und teilweise zu Recht umstritten. Vor rund 30 Jahren wurden zunächst in vitro Zellkultursysteme entwickelt, an denen Cytostatika oder herzreaktive Substanzen getestet werden konnten. Auch Rezeptorbindungsstudien konnten in vitro durchgeführt werden. Durch die Gentechnologie ist die Herstellung großer Mengen identischer Moleküle zur Testung in vitro möglich geworden. Zellsysteme sind inzwischen durch Organpräparate ergänzt worden.
Die rasante Fortentwicklung der Kristallographie, Spektroskopie und Computertechnologie unterstützten heute die Modellierung und das Design von Wirkstoffen. Ein wichtiger Gesichtspunkt ist dabei die visuelle Darstellung: das menschliche Gehirn kann Bilder parallel und damit viel umfassender wahrnehmen als Schrift, die sequenziell verarbeitet wird. Dies verstärkt das Verständnis und die Vorstellung der molekularen Strukturen und möglichen Wechselwirkungen. Das erste strukturgestützte Arzneimittel ist Captopril: ein blutdrucksenkendes Mittel, das das Angiotensin konvertierende Enyzm (ACE) hemmt.
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