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Pilzgifte und Mykotoxine

Gifte des Knollenblätterpilzes

Knollenblätterpilze (Amanita muscaria, Amanita pantherina und Amanita phalloides) enthalten mehrere Gifte, die in drei Stoffgruppen eingeteilt werden können: Amanitine, Muscarin und Phalloidine.

Amanitine

Amanitine sind Polypeptide. Sie wirken als hochspezifische Inhibitoren der DNA-abhängigen RNA Polymerase II, die bei Eukaryonten für die Transkription der DNA zuständig ist. Amanitine sind gut wasserlöslich und werden durch Kochen und in der gastroinestinalen Passage nicht zerstört. In den Epithelzellen des Magen-Darmtraktes führt die durch Amanitine bewirkte Hemmung der mRNA-Transkription zur Unterbrechung der Proteinbiosynthese. Es kommt (je nach aufgenommener Giftmenge) innerhalb von 8 bis 36 Stunden zum Einsetzen von schwerem Erbrechen und wässrigen Durchfällen. Ein unbekannter Anteil der Amanitine wird resorbiert und erreicht über das Portalvenenblut die Leber, wo sie von den Leberzellen auf bisher noch weitgehend unbekannte Weise aufgenommen werden. Amanitine werden aktiv in die Gallenflüssigkeit sezerniert und unterliegen einem enterohepatischen Kreislauf. Durch die Unterbrechung der Proteinbiosynthese kommt es zur Abnahme des Bestandes hepatozellulärer Funktions- und Strukturproteine; die Sekretionsleistung der Leber nimmt kontinuerlich ab. Innerhalb von 72 Stunden kommt es zu akuter Leberinsuffizienz. Die Amanitine werden glomulär filtriert und erscheinen unverändert im Urin. Amanitine werden auch in die Tubuluszellen aufgenommen und sind daher auch nephrotoxisch.

Abb.1
Strukturformel der Amanitine
Hinweis
Lignin-Test (Meixner-Test) zum Nachweis von Amanitin: Pilz oder Pilzrest auf den unbedruckten Teil einer einfachen Tageszeitung drücken. Stelle mit Bleistift markieren und trocknen lassen. Anschließend mit wenigen Tropfen 10-20 %iger Salzsäure beträufeln. In Gegenwart von Amatoxin zeigt sich nach einigen Minuten eine Blauviolettfärbung. Die Nachweisgrenze beträgt ca. 20 µg/ml. (Quelle: Giftinfo Mainz)

Muscarin

Muscarin ist ein giftiges quartäres Ammoniumsalz von 2-Methyl-3-oxy-5-(amino)-tetrahydrofuran. Es kommt außer in den Knollenblätterpilzarten (insbesondere im Fliegenpilz Amanita muscaria) noch in verschiedenen anderen Pilzen vor (Inocybe, Clytocybe, Entoloma lividum). Muscarin ist ein Parasympathomimetikum; es hat u.a. negativ chrono- und inotrope Wirkung am Herzen, bewirkt Miosis, periphere Vasodilatation, Engstellung der Bronchien, Tonus- und Peristaltiksteigerung im Magen-Darm-Trakt. Eine Muscarin-Vergiftung ist begleitet von Hitzegefühl, Schweißausbruch, Erbrechen, Zyanose, Mikropsie, Benommenheit, Bradykardie, evtl. Kreislaufkollaps und Lungenödem. Muscarin stimuliert postganglionäre cholinerge Rezeptoren an parasympathisch innervierten Erfolgsorganen (Muscarin als Antagonist des Acetylcholins). Bisher konnten zwei Subtypen von Muscarin-Rezeptoren identifiziert werden, M1 und M2. Der M1-Rezeptor ist exzitatorisch, der M2-Rezeptor inhibitorisch, Muscarin durchdringt nicht die Blut-Hirn-Schranke und wird von der Acetylcholin-Esterase nicht metabolisiert; es hat deshalb eine lange Halbwertszeit.

Abb.2
Strukturformel von Muscarin

Phalloidine

Phalloidine sind giftige, cyclische Oktapeptide, die die seltenen Hydroxyaminosäuren Hydroxyleucin und Allothreonin enthalten. In der Zelle binden sie entlang den Aktinfilamenten und verhindern so deren Depolymerisation, es kommt zu einer Erhöhung der Aktinpolymerisation. In der Histologie und Molekularbiologie werden Phalloidine in farbstoffgekoppelter Form zur Sichtbarmachung des Cytoskelettes verwendet.

Abb.3
Strukturformel von Phalloidin
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