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Gefahrenpotenzial von Rüstungsaltlasten

Erste Untersuchungen zur Gefährdungsabschätzung - Werk "Tanne"

Der erste Schritt zur Gefährdungsabschätzung für das Areal des ehemaligen Sprengstoffwerkes "Tanne" bestand in der historischen Erkundung der Betriebsabläufe und in der Auswahl von Probenahmestellen für die Voruntersuchung zahlreicher Wasser- und Bodenproben. Bis Mitte der 90-iger Jahre wurden so im Auftrag der verantwortlichen Verwaltungsstellen mehrere Gutachten erstellt. Diese befassten sich vorrangig mit der Entsorgung der Abwässer und Produktionsrückstände und mit den dadurch verursachten Boden- und Grundwasserkontaminationen.

Beispiel 1:

Gutachten zur "Bestandsaufnahme und Erstbewertung des Gefährdungspotentials" (1988) - Industrieanlagen Betriebsgesellschaft (IABG) Ottobrunn

  • Historische Aufarbeitung von Archivmaterial zu den "Abwasser-Entsorgungspfaden" des Werkes Tanne: Bei der Herstellung des Sprengstoffs TNT (2,4,6-Trinitrotouluol) durch schrittweise Nitrierung von Toluol mit Salpetersäure und hochkonzentrierter Schwefelsäure (über Mono- und Dinitrotoluol) müssen die Zwischenprodukte mehrfach durch "Wäsche" gereinigt werden. Die Entsorgung der dabei entstehenden großen Mengen dunkelroter (Mono- und Dinitrotoluolhaltiger) Waschwässer bereitete vom ersten Tag des Produktionsbetriebs an größte Probleme und eskalierte bei der enormen Erhöhung der Produktionsmenge an TNT in den letzten Kriegsjahren.
  • Nachdem sich die einfache Versickerung auf dem Werksgelände aus geologischen Gründen als undurchführbar erwies, wurden die Abwässer über kilometerlange Rohrleitungen in Speicherbecken eingeleitet. Obwohl deren Kapazität nicht ausreichte, wurde die TNT-Produktion weiter erhöht. Daher musste schnell eine neue Lösung gefunden werden: Die Einleitung der Abwässer erfolgte in Vorfluter mit ausreichender Wasserführung. Kaskaden wurden zum Höhenausgleich und zur Belüftung angelegt und damit neben der verringerten Fließgeschwindigkeit ein teilweises Abdampfen der Mononitrotoluole aus den Abwässern bewirkt. Dennoch gelangte das rotgefärbte Abwasser zeitweise bis nach Hannover. Die verstärkte Abwassereinleitung führte zum Fischsterben in den betroffenen Flüssen. Umliegende Wasserwerke meldeten Schadensersatzforderungen an. Statt mit technischen Maßnahmen eine Abwasserreinigung durchzuführen, wurde daraufhin eine Verpressung der Abwässer über Bohrlöcher (siehe Foto: Schluckbrunnen bei Petershütte) in den nahegelegenen Zechsteinkarst favorisiert.
Abb.1
Braedt, Hörseljau, Jacobs, Knolle: "Die Sprengstoffabrik Tanne in Clausthal-Zellerfeld"
  • Orientierende Beprobungen der ehemalig genutzten Speicher- und Absetzbecken, eines Schluckbrunnens und verschiedener Trink- und Heilwasserfassungen der Umgebung

Befund: Nachweisbare sprengstofftypische Belastung in den Pfauenteichen und in den als Absetzbecken genutzten Fischteichen im Bremketal (u. a. Amino-Nitrotoluole - Abbauprodukte des TNT); ebenso im untersuchten Schluckbrunnen (vor allem Mono- und Dinitrotoluol) sowie in einigen Wasserfassungen (aromatische Amine). Bestätigung des Gefährdungspotenzials.

Beispiel 2:

Gutachten zu "Voruntersuchungen auf dem Standort Absetzbecken und Rohrleitungstrasse" (1993) - enviro M Umweltbüro, Kassel

  • Voruntersuchungen für den Standort (zur Rekonstruktion des 17 km langen Abwasserrohrleitungssystems vom Werk bis zu den Schluckbrunnen bzw. bis zur Einmündung in die Söse)
  • Entnahme von 204 Bodenproben aus Baggerschürfen und Rammkernsondierungen, davon ca. 1/3 chemisch untersucht
  • Untersuchung von 19 Wasserproben aus Gewässern und Schächten

Befund:

Rekonstruktion von 2/3 der Rohrtrasse und Gewinnung neuer Erkenntnisse über die Lage der Schluckbrunnen und über die Ablagerung kontaminierter Schlämme aus dem Speicherbecken in einer Grube. Die Analysenergebnisse bestätigen die Kontamination des gesamten Abwasser-Entsorgungssystems mit TNT und seinen Abbauprodukten. Weiterer Untersuchungs- und Handlungsbedarf wird festgestellt

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