zum Directory-modus

Gefahrenpotenzial von Rüstungsaltlasten

Rüstungsaltlast Werk "Tanne" in Clausthal/Zellerfeld

Lange Zeit hat sich niemand für das Gebiet des ehemaligen Sprengstoffwerkes "Tanne" im Harz interessiert. Erst Anfang der 80er Jahre wurde man auf die mögliche Umweltgefährdung, die von diesem Areal ausgeht, aufmerksam.

Abb.1
Braedt, Hörseljau, Jacobs, Knolle: "Die Sprengstoffabrik Tanne in Clausthal-Zellerfeld"

Gut getarnt im Wald war das Werk 1936 errichtet worden. Seit Kriegsbeginn wurde hier in jährlich steigender Menge TNT-Sprengstoff hergestellt und in einem zweiten Betriebsteil in Bomben, Minen und Granaten abgefüllt.1944 zerstörten Luftangriffe der Alliierten die wichtigsten Produktionsgebäude. Die Anlagen zur Sprengstoffabfüllung und -aufbereitung blieben funktionstüchtig. Nach 1945 wurden zahlreiche Gebäude und Werkstätten demontiert, die geplanten Sprengungen wurden aus Kosten- und Zeitgründen jedoch nur unvollständig durchgeführt.

Nachdem zunächst die noch immer oberflächlich auf dem Werksgelände verteilte Munition und die Sprengstoffreste beseitigt worden sind, gab das Niedersächsische Umweltministerium verschiedene Gutachten zur Erkundung und Gefahrenabschätzung der Verdachtsfläche in Auftrag.

Erste Untersuchungen von Boden- und Wasserproben bestätigten schon bald die Annahme, dass das Gebiet bis heute stark mit Sprengstoff-Rückständen belastet ist.

Da zudem die aromatischen Nitro-Verbindungen durch Bakterien zu wasserlöslichen, hochtoxischen Aminen abgebaut werden, liegt die Gefahr der Schadstoffverbreitung über den Wasserpfad bis in die Einzugsgebiete der Trinkwassergewinnungsanlagen nahe. Damit beschränkt sich das Gefahrenpotenzial nicht nur auf das ehemalige Werksgelände.

Woraus resultierten die enormen Probleme bei der Einschätzung des realen Gefährdungspotentials des Areals?

Geheimhaltung
Abb.2
Braedt, Hörseljau, Jacobs, Knolle: "Die Sprengstoffabrik Tanne in Clausthal-Zellerfeld"

Die Gefährdungsabschätzung setzt Kenntnisse über die ehemaligen Anlagen und Produktionsabläufe sowie über Ver- und Entsorgungswege voraus. Das Werk unterlag jedoch strenger Geheimhaltung und die wesentlichen Originalunterlagen über die Sprengstoffproduktion wurden noch vor Kriegsende vernichtet. So gestaltete sich schon allein das Auffinden der vermutlichen Kontaminationsquellen schwierig.

Mangelhafte Abfallbeseitigung
Abb.3
Braedt, Hörseljau, Jacobs, Knolle: "Die Sprengstoffabrik Tanne in Clausthal-Zellerfeld"

Die bei der TNT-Produktion entstehenden (und bei der Werksplanung völlig unterschätzten) großen Abwassermengen hatten die Werkbetreiber vor immer neue Probleme gestellt. Bis zu 120000 m3 Abwasser, darunter ein Großteil rotgefärbte, sprengstoffhaltige Waschwässer aus der Mono- und Dinitrotoluol-Wäsche, fielen monatlich an.

Unter den Bedingungen der Kriegsproduktion wurden diese Abwässer nicht technologisch aufbereitet, sondern über Rohre und Kaskaden in Speicherbecken und Vorfluter geleitet und später wegen der immer größeren Abwassermengen in so genannten Schluckbrunnen verpresst. Noch heute, 50 Jahre nach Kriegsende, gelangen aus den ehemals genutzten Abwasserentsorgungs-Einrichtungen Umweltgifte ins Grundwasser.

Unkontrollierter Schadstoffaustritt
Abb.4
Braedt, Hörseljau, Jacobs, Knolle: "Die Sprengstoffabrik Tanne in Clausthal-Zellerfeld"

Explosionsunglücke im Werk, die Bombardierungen durch die Alliierten und nicht zuletzt die Sprengungen von Gebäuden und Munitionsvorräten nach 1945 führten zu einem unkontrollierten Schadstoffaustritt auf dem Gelände sowie aus oft unbemerkten Lecks der Entsorgungsleitungen.

Seite 13 von 15