zum Directory-modus

Biodiversität

Was ist eine Art? - Artkonzepte im Vergleich

Schon seit über 2.000 Jahren versuchen Wissenschaftler und Gelehrte, die Vielfalt der Natur zu ordnen. Aristoteles verfasste im 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung eine Schrift über die Vielfalt der Tiere und ihre Lebensweise, sein Schüler Theophrastus von Eresos ordnete etwa 550 Pflanzenarten und beschrieb diese in seinem Werk "De historia plantarum". Der Botaniker und Systematiker Carolus Linnaeus (Carl von Linné) entwickelte und benutzte als Erster ein einheitliches System zur Klassifizierung von Tieren und Pflanzen, indem er diese in Klassen, Ordnungen, Familien und Arten einteilte. 1753 führte er die bis heute verwendete lateinische Doppelbenennung (binäre Nomenklatur) ein, die zunächst den Gattungs- und dann den Artnamen nennt. Der Artbegriff spielt in der Taxonomie eine wichtige Rolle. Was aber überhaupt eine Art ist, wird sehr kontrovers diskutiert.

Abb.1
Sonnenblume (Helianthus annuus)

Zur Definition einer Art existieren verschiedene Konzepte, die jeweils bestimmte Teilaspekte in den Vordergrund stellen. Nach dem morphologischen Artkonzept gehören zu einer Art alle Lebewesen mit der gleichen Morphologie. Dieser Artbegriff versagt aber in vielen Fällen. Bei Bienen unterscheiden sich Drohne, Arbeiterin und Königin morphologisch erheblich. Auch die enorme Vielfalt der Pflanzen lässt sich mit rein morphologischen Kriterien nicht beschreiben, hier reicht mitunter bereits die Mutation eines einzigen regulatorischen Proteins aus, um einer Pflanze ein ganz anderes Aussehen zu geben.

Für die Erforschung der Diversität von Mikroorganismen sind morphologische Arteinteilungen ebenfalls ungeeignet. Prokaryonten wie die Bakterien und Archaebakterien werden daher eher anhand ihrer komplexen Stoffwechseleigenschaften oder mit molekulargenetischen Methoden klassifiziert. Für ausgestorbene Arten hat sich in der Praxis eine Kombination aus morphologischen, phylogenetischen oder chronologischen Artmodellen bewährt.

Das biologische Artkonzept

Nach der in der Evolutionsbiologie allgemein akzeptierten Definition von Ernst Mayr, dem so genannten biologischen Artkonzept, zählen zu einer Art alle Lebewesen, die sich natürlicherweise paaren, fortpflanzungsfähige Nachkommen erzeugen können und damit eine Fortpflanzungsgemeinschaft bilden.

Ernst Mayr (1969): "Arten sind Gruppen von sich miteinander kreuzenden natürlichen Populationen, die von anderen Gruppen reproduktiv isoliert sind."

Auch dieses Konzept ist nur begrenzt anwendbar und nicht für lediglich fossil überlieferte oder sich ungeschlechtlich durch Parthenogenese oder Sprossung fortpflanzende Arten geeignet. Aber selbst da, wo sich das biologische Konzept bewährt hat - vor allem bei Säugetieren und Vögeln - sind die Grenzen zwischen Art und Rasse oft fließend und damit sichtbares Zeichen, dass die Artbildung ein ständig ablaufender, kontinuierlicher Prozess ist. Pferd und Esel können zwar miteinander gekreuzt werden, aber der Nachwuchs aus dieser Paarung (Maultier, Maulesel) ist unfruchtbar. Auch Löwen und Tiger lassen sich im Zoo kreuzen und bekommen dann u.U. sogar fruchtbaren Nachwuchs, würden sich aber nicht unter natürlichen Bedingungen paaren. Soweit passt diese biologische Definition also sehr gut.

Abb.2
Pferd
Abb.3
Esel
Abb.4
Große und kleine Hunderassen
© pixelio.de: M. Großmann

Aber bei Hunden ist die Sache schon komplizierter. Haushunde (Canis lupus familiaris) sind eine Unterart der Wölfe (Canis lupus), mit denen sie sich auch natürlicherweise, wenn auch sehr selten, paaren. Innerhalb der Haushundrassen sind die Unterschiede durch die gezielte Züchtung mittlerweile sehr groß. Eine Paarung zwischen z.B. irischem Wolfshund und Chihuahua ist schon aufgrund der Größenunterschiede eher unwahrscheinlich - was dann, gemäß der biologischen Artdefinition, die Frage aufwirft, ob es sich hier überhaupt noch um Rassen der gleichen Unterart handelt.

Seite 3 von 24