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3.1 - 3.5 - Cimetidin (gesamt)

Helicobacter pylori

Lebenslange Infektion

Lange Zeit galten eine Magenschleimhautentzündung (Gastritis) und Magengeschwüre als typische Managerkrankheiten, hervorgerufen durch Ärger und Stress. Anfang der achtziger Jahre entdeckten jedoch die australischen Forscher Marshall und Warren, dass diese Erkrankungen häufig durch das Bakterium Helicobacter pylori (H. pylori) verursacht werden. Helicobacter ist der Erreger einer Volkskrankheit, denn mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung ist mit ihm infiziert. Hat er sich einmal angesiedelt, bleibt die Infektion meist ein ganzes Leben lang bestehen.

Abb.1

Die Infektion der deutschen Bevölkerung mit Heliobacter pylori und der Anteil der mit Magen-Darmgeschwüren und Magenkrebs erkrankten Menschen (Flash-Animation).

Die Folgen einer Infektion können schwerwiegend sein: Magenschleimhautentzündungen und Magen- und Dünndarmgeschwüre. Das Bakterium gilt auch als eine der Ursachen für Magenkrebs.

In den Magen jedes gesunden Menschen gelangen Bakterien, sowohl unschädliche als auch Krankheitserreger. Dass der Körper meist trotzdem nicht erkrankt, ist auf das unwirtliche Milieu im Magen zurückzuführen. Der Verdauungssaft enthält z.B. Salzsäure und Pepsin und tötet Bakterien sofort. Der pH-Wert im Mageninnern ist so niedrig, dass kein Erreger darin überleben kann. Auch H. pylori ist grundsätzlich dagegen nicht gefeit. Was es trotzdem so gefährlich macht, ist seine Fähigkeit, schnell in die Magenschleimschicht einzudringen, in der ein fast neutraler pH-Wert herrscht und kein Pepsin enthalten ist. Die wichtigste Phase der Infektion sind also die allerersten Minuten, in denen die Bakterien das Mageninnere überleben, bis sie in den sicheren Schleim gelangen.

Wurde dieser Erreger bis in die neunziger Jahre als relativ harmlos angesehen, so gilt er heute in 90 % aller Fälle als Verursacher der Gastritis. Die H. pylori-Gastritis ist wiederum Auslöser für:

  • 95 % aller Geschwüre im Zwölffingerdarm
  • 75-80 % aller Magengeschwüre
  • ca. 98 % der Magenlymphome
  • 80-90 % aller Fälle von Magenkrebs

Die Infektion mit H. pylori

Der Übertragungsweg des H. pylori ist noch nicht restlos geklärt. Als gesichert gilt bisher nur die Übertragung von Mensch zu Mensch. Neuerdings gibt es auch die Vermutung, dass die Stubenfliege eine Rolle bei der Übertragung spielen könnte, indem sie die Bakterien aus menschlichen Fäkalien aufnimmt und diese dann auf Nahrungsmittel wieder ausscheidet. Mit großer Wahrscheinlichkeit gelangt H. pylori also durch den Mund in den Magen. Mit Rezeptoren an seiner Oberfläche kann es bestimmte Substanzen als Lock- oder Schreckstoffe wahrnehmen und sich daran orientieren. So erreicht es schnell seinen bevorzugten Aufenthaltsort im Magenschleim.

Abb.2
Helicobacter pylori

H. pylori hat jedoch einige spezielle Mechanismen entwickelt, mit deren Hilfe der Keim sowohl die Abwehrbarrieren des Magens als auch die allgemeine Körperabwehr überlistet. Seine wichtigste Waffe ist die Urease, ein spezifisches Enzym, das er in großen Mengen produziert. Dieses Enzym schützt den Erreger, indem es den pH-Wert in seiner Umgebung erhöht. Außerdem ist der Erreger mit Geißeln (Flagellen) ausgestattet, die mit einer gegen die Magensäure sehr widerstandsfähigen Hülle überzogen sind und die es ihm ermöglichen, sich im zähen Magenschleim zu bewegen und an der obersten Schleimhautschicht festzuhalten.

(NH2)2C=O + 2 H2O + H+   -[Urease]→   HCO3 + 2 NH4+

Natürlich registriert auch das Immunsystem, dass sich ein störender Eindringling im Körper eingenistet hat. Um den Feind zu eliminieren, schickt es wie bei jeder anderen Infektion seine speziellen Eingreiftruppen los. Doch auch den geballten Abwehrkräften des Immunsystems weiß H. pylori erfolgreich zu begegnen. Der Trick, den der Erreger dabei anwendet, ist die molekulare Mimikry: das Bakterium präsentiert auf seiner Oberfläche bestimmte Eiweißstoffe, die dem Immunsystem vortäuschen, es sei ein Teil des menschlichen Körpers. Als Folge greift das Immunsystem H. pylori nicht an, da es den Erreger nicht als Fremdkörper erkennt. Zudem lässt sich das Bakterium, das sich in der Magenschleimhaut befindet, nur schlecht von den Abwehrzellen des Körpers erreichen.

Krankheitsentwicklung und Verlauf

Nachdem es dem Bakterium gelungen ist, die gegen ihn gerichteten Abwehrmechanismen sowohl des Magens als auch des Immunsystems auszuschalten, kann es sich im Magen etablieren und vermehren. Nun kann es zu einer Entzündung der Magenschleimhaut kommen, deren Intensität nicht zuletzt abhängig ist vom Grad der Vermehrung des Erregers. Wie es zur Entzündung und Schädigung der Schleimhaut kommt, ist bisher noch nicht geklärt. Die Symptome der Gastritis sind Völlegefühl, Magenschmerzen, Übelkeit, Appetitlosigkeit und Erbrechen. In schweren Fällen kann es auch zu Magenblutungen kommen. Bei Nichtbehandlung wird die H. pylori-Gastritis fast immer chronisch.

Nicht jede Infektion führt zu Beschwerden, und auch Schwere und Verlauf einer Magenschleimhautentzündung können im Einzelfall sehr unterschiedlich sein. Zum einen ist die Tatsache von Bedeutung, dass es verschiedene Stämme von H. pylori gibt, die offensichtlich eine unterschiedliche Pathogenität besitzen. Nur etwa die Hälfte der Stämme z.B. produziert einen Giftstoff, der die Entstehung von Geschwüren begünstigt. Zum anderen spielen auch Wirtsfaktoren eine Rolle, beispielsweise der allgemeine Gesundheitszustand des Infizierten und nicht zuletzt auch dessen Ernährung.

Diagnose und Therapie

Abb.3
Magenwandzellen mit Helicobacter pylori

Wenn ein Verdacht auf eine H. pylori-Infektion besteht, ist eine endoskopische Untersuchung des Magens die sicherste Methode der Diagnose. Dabei wird ein flexibles Instrument, ein Gastroskop, in den Magen geschoben. Es erlaubt die Betrachtung des Mageninneren und bietet gleichzeitig die Möglichkeit, eine winzige Gewebeprobe zu entnehmen. Diese Probe kann zunächst mit einem Schnelltest auf das Enzym Urease untersucht werden, wobei ein erhöhtes Urease-Vorkommen ein Hinweis auf eine H. pylori-Infektion sein kann. Doch dieser Test allein reicht nicht aus. Für eine sichere Diagnose ist zusätzlich noch der Nachweis des Erregers in der entnommenen Gewebeprobe nötig.

Eine H. pylori-Infektion kann man heute mit einer Kombinationstherapie in den meisten Fällen erfolgreich behandeln. Voraussetzung ist allerdings eine konsequente Einnahme der entsprechenden Antibiotika und Säurehemmer. Mit geeigneten Antibiotika-Kombinationen kann H. pylori bei 85-95 % der Behandelten zum Verschwinden gebracht werden. Die Beseitigung des Bakteriums führt in der Regel zur Ausheilung der Gastritis. Damit ist auch möglichen schweren Folgeerkrankungen der Boden entzogen. Der Therapieerfolg muss allerdings über einen längeren Zeitraum kontrolliert werden.

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