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4.1 - Grippe - Immunologie und Historie

Therapien bei Grippeerkrankungen

Bei Grippeerkrankungen stehen mehrere Behandlungsmaßnahmen zur Verfügung, die in der Regel parallel durchgeführt werden. Die meisten dieser Maßnahmen sind aber nur dazu geeignet, die Symptome zu lindern und die Gefahr von schweren Komplikationen zu mindern. Abgesehen von Folgeerkrankungen wie z.B. bakteriellen Infektionen kann die Dauer der viralen Grunderkrankung nur mit kausal wirkenden, antiviralen Medikamenten verkürzt werden. Der beste Weg ist natürlich, wie bei jeder Erkrankung, der Grippeinfektion durch gezielte Maßnahmen vorzubeugen.

Vorbeugung

Nicht jeder Kontakt mit Influenza-Viren führt zwangsläufig zur Infektion. Ob es zu einer Grippeerkrankung kommt, hängt noch von einigen weiteren Faktoren wie u.a. der Anzahl der beim Erstkontakt übertragenen Viren und dem Zustand des Immunsystems des Wirtes ab. Bei durch eine andere Grunderkrankung immungeschwächten Menschen ist das Risiko, nach einem Kontakt mit Influenza-Viren auch an der Grippe zu erkranken, vermutlich deutlich höher als bei immunkompetenten Personen. Zusätzlich ist in diesen Fällen die Gefahr von bakteriellen Sekundärinfektionen wesentlich größer.

Aber auch ein völlig funktionsfähiges Immunsystem ist längst kein Garant, nicht an der Grippe zu erkranken!

Abb.1
Film zur Grippeschutzimpfung

Die Angst vor einer Grippeschutzimpfung ist wirklich unbegründet. In der Realität wird weniger (0,5 mL) Impfstoff mit kleineren Nadeln injiziert als in dieser etwas übertriebenen Darstellung.

Neben allgemeinen Maßnahmen zur Gesunderhaltung des Immunsystems wie gesunder Ernährung, ausreichendem und regelmäßigem Schlaf, viel (aber nicht übertrieben viel) Bewegung vor allem an frischer Luft und der Vermeidung eines Übermaßes an negativem Stress ist deswegen die jährliche Schutzimpfung vor Beginn der Grippesaison in jedem Fall empfehlenswert, wenn nicht besondere Kontraindikationen wie z.B. eine bestehende Allergie gegen Hühnereiweiß dagegen sprechen. Insbesondere aber bestimmte Personengruppen, die ein erhöhtes Risiko für eine Ansteckung, Erkrankung und/oder Komplikationen tragen, sollten auf eine Impfung nicht verzichten. Dazu gehören u.a. chronisch Kranke, ältere Menschen (über 60 Jahre), medizinisches Personal, Berufsgruppen mit viel Publikumsverkehr und Bewohner von Alters- und Pflegeheimen.

Auch die Tatsache, dass die Impfung als Abwehr gegen durch antigenic shift entstandene Influenza-Viren im ungünstigen Fall auch völlig versagen kann, sollte niemanden von einer Impfung zurückhalten, da dieser Fall nicht sehr oft eintritt (schätzungsweise alle 10 bis 30 Jahre). In der Regel bietet die Impfung immerhin einen 50-70%igen Schutz vor einer Grippeerkrankung. Außerdem verläuft die Erkrankung im Allgemeinen deutlich milder und komplikationsärmer, wenn sie trotz Impfung auftritt. Der Gesamtschutz vor einer Grippe mit schwerem Krankheitsverlauf ist also noch höher einzuschätzen. Unter Berücksichtigung der Ernsthaftigkeit einer Grippeerkrankung und der großen Zahl der grippebedingten Toten, die in jeder Saison zu beklagen sind, sollte auf diesen Schutz nicht verzichtet werden.

Allgemeine Maßnahmen

Die erste Pflicht eines Grippekranken ist absolute Bettruhe! Diese wird aufgrund der bestehenden Symptome normalerweise zunächst auch freiwillig von den Patienten eingehalten. Wegen der möglichen ernsten Folgeerscheinungen wie z.B. einer Myokarditis (Herzmuskelentzündung), bakteriellen Sekundärinfektionen oder einer über die Grippeerkrankung hinaus anhaltenden Einschränkung der Lungenfunktion ist eine genügend lange Ruhephase unbedingt einzuhalten. Besonders bei hohem Fieber ist auf eine ausreichende Flüssigkeitsaufnahme (mindestens das Doppelte der normalen Menge) zu achten. Zu hohes Fieber kann auch durch physikalisch-therapeutische Maßnahmen wie kühle Wadenwickel bekämpft werden. Da das Fieber Ausdruck einer durchaus gewünschten Abwehrreaktion des Körpers ist, sollte leichtes bis mittelhohes Fieber allerdings nicht mit allen Mitteln gesenkt werden. (vgl. dazu auch Fieber.)

Symptomatische medikamentöse Therapie

Auch zur Minderung der Gefahr von Komplikationen werden die Symptome oft mit Medikamente gelindert, die selbst nicht auf die Influenza-Viren wirken. Die am häufigsten verwendeten, frei verkäuflichen Medikamente zur Behandlung von Symptomen der Grippe sind:

  1. Nichtsteroidale Antiphlogistika (NSAIDs, nonsteroidal antiinflammatory drugs) wie Acetylsalicylsäure (ASS) oder Paracetamol (Wirkstoff 4-Hydroxyacetanilid, Acetaminophen) gegen Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen.
  2. Antitussiva (Hustenstiller) gegen übermäßigen und unproduktiven Reizhusten.
  3. Expektorantien (Schleimlöser) zum leichteren, produktiven Abhusten von zähem Schleim.

Die bekannten konventionellen Grippe-Medikamente sind häufig Kombinationspräparate aus den genannten Wirkstoffgruppen. Antibiotika zeigen keine Wirkung gegen die Influenza-Viren. Wegen der großen Resistenzproblematik und den zum Teil unangenehmen Nebenwirkungen der Antibiotika sollte eine Antibiotika-Therapie nur bei einer bakteriellen Sekundärinfektion eingesetzt werden! Da eine solche Sekundärinfektion im schlimmsten Fall auch tödlich enden kann, ist dann eine Antibiotika-Therapie aber unbedingt angezeigt! Im Idealfall erfolgt diese mit auf das Erregerspektrum abgestimmten Antibiotika.

Hinweis
Auch frei verkäufliche Arzneimittel sollten generell nicht ohne ärztliche Empfehlung und genauester Beachtung des Beipackzettels eingenommen werden! So wird z.B. ASS bei Kindern und Jugendlichen nur noch in besonderen Ausnahmefälle von Ärzten empfohlen, da es für diese Altersgruppe Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen der Einnahme von ASS und dem Auftreten des lebensbedrohenden Reye-Syndroms gibt.

Kausale, antivirale medikamentöse Therapie

Seit 1999 stehen in Form der neuen Neuraminidase-Hemmer gut wirksame und gut verträgliche antivirale Wirkstoffe zur Verfügung. Diese behindern direkt die Vermehrung des für die Erkrankung verantwortlichen Influenza-Virus.

Untersuchungen haben gezeigt, dass die prophylaktische Einnahme dieser Neuraminidase-Hemmer einen bis zu 95%igen Schutz vor einer Grippeerkrankung bietet. Dies erfordert aber eine dauerhafte Einnahme des Medikaments, damit zum unvorhersagbaren Zeitpunkt des Kontaktes mit den Influenza-Viren ein genügend hoher Wirkstoffspiegel zur Verfügung steht. Für einen verbreiteten Schutz der Bevölkerung ist die prophylaktische Einnahme von Neuraminidase-Hemmern im Gegensatz zur nur einmal pro Saison erforderlichen Impfung deswegen schon aus ökonomischen Gründen nicht durchführbar. Zudem wird durch die massenhafte Anwendung eines antiviralen oder antibakteriellen Medikaments einer schnelleren Resistenzbildung Vorschub geleistet. Aus diesem Grunde fordern einige Wissenschaftler, die neuen Medikamente nur sparsam zu verwenden und nur im Falle schwerer Krankheitsverläufe und bei erkrankten Risikopatienten zu verordnen. Dadurch würde die Chance besser gewahrt bleiben, dass die neuen Neuraminidase-Hemmer bei Auftreten der nächsten großen Epidemie oder Pandemie mit flächendeckendem Versagen des Impfschutzes und möglicherweise besonders schweren Krankheitsverläufen wie 1918/1919 noch Millionen Menschen das Leben retten können, statt unwirksam geworden zu sein.

Auch wenn die Therapie mit den Neuraminidase-Hemmern erst nach Ausbruch der Erkrankung begonnen wird, ist ein deutlicher Nutzen nachgewiesen worden. Dabei war die Wirkung umso besser, je eher die Behandlung eingeleitet wurde, am Besten in den ersten 24 Stunden nach Auftreten der ersten Symptome. Bei frühzeitigem Einnahme der Neuraminidase-Hemmer konnten die Dauer der Erkrankung und das Risiko von gefährlichen Komplikationen wie z.B. bakteriellen Sekundärinfektionen deutlich gesenkt werden.

Literatur

Schmidt, R. E. (2000): Therapie der Influenza. In: Influenza - neue diagnostische und therapeutische Chancen. G. Vogel W. Lange (Hrsg.). Georg Thieme Verlag , 82-91
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