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4.1 - Grippe - Immunologie und Historie

Hühnergrippe - Hong Kong 1997

Seit der spanischen Grippe von 1918/1919 hat es mehrere Grippe-Pandemien und viele Epidemien gegeben. Doch ein Influenza-Virus mit so verheerenden Eigenschaften wie 1918/1919 ist beim Menschen seitdem nicht wieder aufgetreten. Allerdings weiß niemand, ob die erneute Katastrophe nicht schon morgen wieder zuschlägt. Im Jahr 1997 hätte es möglicherweise zu einer mit der spanischen Grippe vergleichbar großen Pandemie kommen können, wenn die beteiligten Wissenschaftler und Gesundheitsbehörden nicht so drastische Maßnahmen ergriffen hätten.

Abb.1
Hong Kong

Im Mai 1997 erkrankte ein kleiner Junge in Hong Kong an Grippe und starb wenig später im Queen-Elizabeth-Krankenhaus. Die Influenza-Viren im Rachenabstrich des Jungen konnten von Virologen der Universität Hong Kong aber nicht genau typisiert werden. Offensichtlich handelte es sich um keinen bisher jemals beim Menschen gefundenen Influenza-Subtyp. Daraufhin wurden Untersuchungen in Speziallaboratorien in den Niederlanden, Großbritannien und den USA eingeleitet. Das Ergebnis erzeugte große Besorgnis bei den Wissenschaftlern und Gesundheitsbehörden.

Es handelte sich um einen Influenza-Virus des Subtyps H5N1.

Dieser Subtyp war bis zu diesem Zeitpunkt beim Menschen nicht gefunden worden, sondern vielmehr als besonders agressiver Hühnergrippe-Virus bekannt. Er hatte schon 1983 in Pennsylvania in den USA zu einem Massensterben in den Hühnerfarmen geführt (siehe auch Kleine Mutation erzeugt Killer). Damals wurden zur Eindämmung der Seuche vorsorglich 20 Millionen Hühner getötet und vernichtet. Die Krankheitsverläufe mit schweren inneren Blutungen erinnerten dabei durchaus an die spanische Grippe von 1918/1919 beim Menschen. 1995 wütete der Subtyp H5N1 auf Mexikos Hühnerfarmen, und seit März 1997 auf mehreren Hühnerfarmen in Hong Kong. Zusammen mit führenden US-Virologen untersuchten die Hong Konger Gesundheitsbehörden in der folgenden Zeit alle bekannten Kontaktpersonen des verstorbenen Jungen und nahmen tausende Proben auf den Geflügelmärkten der Stadt. Da zunächst aber keine weiteren H5N1-Infektionen bei Menschen auftraten, wurden noch keine zusätzlichen Maßnahmen durchgeführt.

Im November und Dezember 1997 erkrankten dann weitere 18 Menschen an einer Grippe, die ähnliche Symptome verursachte wie das Killer-Virus von 1918/1919. Sechs der Erkrankten, also ein Drittel (!), starben, vor allem an den schweren multiplen inneren Blutungen. Wieder wurde der Subtyp H5N1 als Verursacher identifiziert.

Und dieses Virus hatte nun, im November und Dezember 1997, offenbar erneut die Artenschranke überwinden können und drohte unter den Menschen eine ähnliche Katastrophe auszulösen wie zuvor mehrmals unter Hühnern. Die Gegenmaßnahmen waren drastisch. Die Hong Konger Gesundheitsbehörden ordneten die Tötung und Vernichtung von ca. 1,2 Millionen Hühnern und 400.000 anderen Vögeln in Hong Kong an. Die traditionellen Vermarktungswege auf Wochenmärkten, die zu engem Kontakt zwischen vielen Menschen und lebenden Hühnern führen, könnten der Grund sein, warum die Viren gerade in Hong Kong die Artenschranke zum Menschen überwinden konnten.

Die rigorose Maßnahme der Schlachtung von ca. 1,6 Millionen Geflügeltieren in Hong Kong hat die Menschheit somit möglicherweise vor einer erneuten verheerenden Grippekatastrophe wie 1918/1919 bewahrt. Es hatte sich zwar bereits herausgestellt, dass die Viren nicht von Mensch zu Mensch, sondern nur von Huhn zu Mensch übertragbar waren und unter dieser Voraussetzung eine weltweite Pandemie praktisch ausgeschlossen gewesen wäre. Doch wer hätte schon dafür garantieren können, dass die Killer-Viren dieses kleine Hindernis nicht z.B. durch genetische Vermischung mit anderen humanen Influenza-Viren bald überwunden hätten. Da diese Gefahr durch die zur gleichen Zeit sehr früh auftretende saisonale humane Grippewelle als besonders groß eingeschätzt wurde, mussten die Tiere getötet werden. So blieb es immerhin bei nur 19 Infizierten und sieben Toten.

Wieder einmal wurde deutlich, wie wichtig ein wirksames antivirales Grippemedikament werden könnte. Die im Umlauf befindlichen Impfstoffe hätten im Kampf gegen den beim Menschen bis dahin unbekannten Subtypen H5N1 jedenfalls wenig genutzt!

Literatur

Larson, E. (1998): The Flu Hunters. In: Time. 151
Henschel, U.; Elleringmann, S. (2001): Die Jagd nach H1N1. In: GEO. 2 , 15-42
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