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4.1 - Grippe - Immunologie und Historie

Spanische Grippe von 1918/1919

In den Jahren 1918/1919 wurde die Menschheit von einer Grippe-Pandemie heimgesucht, deren Ausmaß bis dahin nicht für möglich gehalten worden war. Schätzungsweise 20 bis 40 Millionen Todesopfer waren weltweit durch die Grippe zu beklagen, und das noch in den letzten Monaten des ersten Weltkrieges und in den ersten Monaten danach.

Abb.1
Impfaktion in einem amerikanischen Armeelager in Genicart, Frankreich, 1918/1919.
National Museum of Health and Medicine , Armed Forces Institute of Pathology, Washington, D.C.

Die ersten Erkrankungen wurden im März 1918 im US-Militärcamp Funston in Kansas dokumentiert. Vermutlich über die US-Landetruppen bei Bordeaux gelangte die Epidemie nach Europa und schließlich auch nach Spanien. In Spanien erkrankten im Mai 1918 acht Millionen Menschen an der Grippe. Seitdem ist die Bezeichnung spanische Grippe für die Pandemie von 1918/1919 ein feststehender Begriff. Im Frühsommer 1918 hatte sich die Grippe-Epidemie zu einer weltweiten Pandemie ausgeweitet. Das für diese erste Welle der spanischen Grippe verantwortliche Virus war offenbar höchst infektiös (virulent) und hatte hohe Erkrankungszahlen zur Folge. Doch die erste Welle war nur mit verhältnismäßig milden Krankheitsverläufen verbunden und forderte zumindest keine übermäßig hohe Zahl an Todesopfern.

Nachdem die Pandemie im Sommer 1918 gerade ausgelaufen zu sein schien, begann im August 1918 die zweite Welle. Innerhalb kürzester Zeit trat die Grippe an den unterschiedlichsten Orten der Erde wieder auf und verbreitete sich über den gesamten Globus. Verursacher dieser zweiten Pandemiewelle war offensichtlich (fast) das gleiche Virus wie in der ersten Welle. Menschen, die während der ersten Welle eine Grippe erleiden mussten, waren nun immun und erkrankten nicht mehr. Trotzdem muss sich das Virus zwischen den beiden Wellen im August 1918 verändert haben. Im Gegensatz zur ersten Welle waren die Krankheitsverläufe nun verheerend. Zusätzlich zu den bekannten heftigen Grippe-Symptomen litten die Patienten insbesondere an schweren inneren Blutungen, die oft schon wenige Stunden nach dem Auftreten der ersten Symptome zum qualvollen Erstickungstod führten. Die Opfer ertranken regelrecht an ihrem eigenen Blut, das die Lungen füllte.

Abb.2
Leichenzug für einen Grippetoten in einem amerikanischen Armeelager in Bordeaux, Frankreich, 1918/1919.
National Museum of Health and Medicine , Armed Forces Institute of Pathology, Washington, D.C.

Die Zahl der Grippetoten stieg unaufhaltsam. Besonders beunruhigend war dabei auch die hohe Sterblichkeit in der mittleren Altersgruppe zwischen 20 und 45 Jahren, die normalerweise die niedrigste Sterberate aufweist; die höchsten Sterberaten findet man bei kleinen Kindern und alten Menschen. Erst im April 1919 flachte die Pandemie langsam ab. Mit den ersten warmen Tagen im Frühsommer 1919 verschwand die Grippe ähnlich plötzlich wie sie mehr als ein Jahr zuvor gekommen war.

Durch die hohe Zahl von Erkrankten vor allem auch in der mittleren Altersgruppe brach das öffentliche Leben während der Pandemie teilweise zusammen. Die unterschiedlichsten Maßnahmen zur Seuchenbekämpfung wurden durchgeführt: öffentliche Versammlungen wurden verboten, Schulen und andere öffentliche Einrichtungen wurden vorübergehend geschlossen, das Tragen von Gesichtsmasken wurde zur Pflicht, Kalkpulver wurde versprüht und vieles mehr. Doch die Pandemie war nicht aufzuhalten. Aber wie sollte man auch eine Seuche bekämpfen, deren Ursache nicht bekannt war. Die aus heutiger Sicht zum Teil wildesten Theorien wurden aufgestellt, vom starken atmosphärischen Reizgas über kleinste Pflanzen bis zum Pfeifferschen Influenza-Bazillus.

Der tatsächliche Erreger dieser Pandemie, das Influenza-Virus, war damals noch nicht bekannt. Erst 1933 wurde der erste menschliche Influenza-Stamm von den drei britischen Forschern W. Smith, C. H. Andrews und P. P. Laidlaw am National Institute for Medical Research in London isoliert. Der Aufbau des Virus und vor allem die Struktur seiner Proteine und Nucleinsäuren wurden erst viel später im Laufe der folgenden Jahrzehnte aufgeklärt.

Abb.3
Elektronenmikroskopische Aufnahme von Influenza-Viren, die es 1918 noch nicht gab.
Mit freundlicher Genehmigung von Harold Fisher, University of Rhode Island.

Mit Hilfe der heutigen Kenntnisse und Methoden konnte durch Untersuchung von Gewebeproben von Grippetoten der Pandemie von 1918/1919 nachgewiesen werden, dass Influenza A-Viren des Subtyps H1N1 (siehe auch Influenza-Viren und Nomenklatur) Verursacher der Seuche waren. Die Gewebeproben stammten im wesentlichen aus zwei verschiedenen Quellen. Bereits 1918/1919 fertigte das US-Militär in Paraffin gegossene Lungengewebeschnitte von an Grippe gestorbenen Soldaten an. Erst in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts wurden außerdem geeignete Gewebeproben durch Exhumierung von Grippetoten der Pandemie 1918/1919 in Alaska gewonnen. Die Leichen waren durch die dauerhaft tiefen Temperaturen im Permafrostboden Alaskas erhalten geblieben. Bis heute konnte aber nicht geklärt werden, aus welcher Vorgängerversion das Virus von 1918/1919 entstanden ist. Die offenbar kaum vorhandene Immunität der Bevölkerung lässt vermuten, dass das Virus aus einem größeren antigenic shift vor oder im März 1918 hervorgegangen ist. Es gibt auch schon einige Hinweise auf eine Vermischung eines Schweine-Influenza-Virus mit einem menschlichen Influenza-Virus. Gesicherte Erkenntisse liegen dazu jedoch noch nicht vor.

Irgendwann im Sommer 1918 muss sich das Virus dann noch einmal verändert haben, so dass sich die Krankheitsverläufe von der ersten zur zweiten Welle auf diese dramatische Weise wandeln konnten. Dies kann aber nicht durch einen erneuten antigenic shift erfolgt sein, da die Grippekranken der ersten Welle während der zweiten Welle immun waren. Es gibt zwar vage Vermutungen (siehe auch Kleine Mutation erzeugt Killer) darüber, was das Virus von 1918/1919 in der zweiten Welle zum grausamen Killer machte, aber bis heute weiß niemand, wie sich das Virus im Sommer 1918 wirklich gewandelt hat.

Die Antwort auf diese Frage ist jedoch nach wie vor höchst aktuell. Die letzte große Grippe-Pandemie war 1968. Die nächste Pandemie ist nach Expertenmeinung schon überfällig. Niemand weiß, ob und wann wieder ein Killer-Virus wie 1918/1919 zu erwarten ist. Die neuen Neuraminidase-Hemmer machen Hoffnung, dass auch ein solches Killer-Virus heute wirksamer bekämpft werden könnte. Solange die molekularen Zusammenhänge, die das Killervirus 1918 erzeugt haben, nicht genau bekannt sind oder der Ernstfall in der Praxis den Beweis erbracht hat, kann aber eine erneute Katastrophe keineswegs ausgeschlossen werden. Beim Auftreten eines Killer-Virus mit ähnlichen Eigenschaften wie 1918 wäre heutzutage mit einer noch schnelleren Ausbreitung der Pandemie und mit noch mehr Todesopfern zu rechnen, denn Schätzungen gehen in einem solchen Fall aufgrund der gewachsenen Weltbevölkerung von 60 bis 80 Millionen möglichen Grippetoten aus.

Literatur

Henschel, U.; Elleringmann, S. (2001): Die Jagd nach H1N1. In: GEO. 2 , 15-42
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