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4.1 - 4.5 - Grippe (gesamt)

Pandemien - Historie

Die Menschheit wird vermutlich schon seit langer Zeit von Grippe-Epidemien heimgesucht. Erste Berichte von epidemisch auftretenden Erkrankungen, deren Symptome auf die durch Influenza-Viren verursachte Grippe schließen lassen, finden sich schon bei Hippokrates (460 bis 375 v.Chr.).

Die erste gut beschriebene Pandemie, bei der es sich wahrscheinlich um die Influenza gehandelt hat, verbreitete sich im Jahre 1580 n.Chr. innerhalb von nur sechs Wochen über ganz Europa. Seitdem hat es offenbar 31 Pandemien gegeben, die auf das Influenza-Virus zurückzuführen sind.

In Sachen Verbreitung, Infektiösität, Zahl der Todesopfer und dem damit verbundenen Schrecken stand die Grippe den anderen pandemischen Infektionskrankheiten wie Pest und Cholera in nichts nach. Im Laufe des 20. Jahrhunderts sind die klassische Cholera und die Pest weitgehend zurückgedrängt und in den Industrienationen sogar ausgerottet worden. Dies ist vor allem allgemeinen Hygienemaßnahmen und der Entwicklung der Antibiotika zu verdanken, da es sich bei beiden Erkrankungen um bakterielle Infektionen handelt.

Gegen die Grippeerreger, die Influenza-Viren, konnten die Antibiotika aber nichts ausrichten und allgemeine Hygienemaßnahmen haben ebenfalls keinen besonderen Einfluss auf die Verbreitung von Influenza-Viren. Aus diesem Grunde gab es auch noch im 20. Jahrhundert drei große Grippe-Pandemien und viele Epidemien. Heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, ist die Gefahr noch keineswegs gebannt, wenn auch die kurz vor der Jahrhundertwende neu auf dem Markt erschienenen antiviralen Grippewirkstoffe, die Neuraminidase-Hemmer, Anlass zur Hoffnung geben, zumindest das Ausmaß und die Heftigkeit einer erneuten Grippe-Pandemie einschränken zu können.

Abb.1
Notfallkrankenhaus während der spanischen Grippe im US-Militärcamp Funston in Kansas, 1918
National Museum of Health and Medicine , Armed Forces Institute of Pathology, Washington, D.C

Die erste Pandemie des 20. Jahrhunderts, die spanische Grippe, wütete in den Jahren 1918/1919 weltweit und forderte schätzungsweise zwischen 20 und 40 Millionen Todesopfer. Sie wurde durch einen Influenza A-Virus des Subtyps H1N1 verursacht (siehe auch Influenza-Viren und Nomenklatur). Dieses Virus war in den Jahren 1918/1919 aber noch nicht bekannt, da es erst 1930 gelang die ersten Influenza-Viren aus Schweinen und dann 1933 aus Menschen zu isolieren. Ihre genaue Identifizierung und strukturelle Aufklärung benötigte aber noch mehrere Jahrzehnte, da 1933 die dafür notwendigen analytischen Methoden noch nicht zur Verfügung standen.

Die zweite Pandemie des 20. Jahrhunderts, die asiatische Grippe, ging 1957 von China aus. Der dafür verantwortliche Erreger entstand durch einen antigenic shift, bei dem eine Vermischung der Genome des ursprünglichen Influenza A-Subtyps H1N1 mit einem Vogelgrippe-Virus stattfand. Das Ergebnis war der neue Virus-Subtyp H2N2, mit stark veränderten Hämagglutinin- (H) und Neuraminidase (N)- Oberflächenantigenen.

Ein weiterer antigenic shift führte im Jahre 1968 zur dritten großen Grippe-Pandemie des 20. Jahrhunderts, der Hong Kong-Grippe. Zum Erreger der Hong Kong-Grippe führte die Vermischung des menschlichen Subtyps H2N2 wiederum mit einem Vogelgrippe-Virus. Diesmal kam es nur zu strukturellen Änderungen im Hämagglutinin (H), so dass der neue Subtyp H3N2 daraus hervorging.

Die asiatische Grippe und die Hong Kong-Grippe hatten jeweils etwa eine Millionen Todesopfer weltweit zur Folge.

Im Jahre 1977 kehrte der Subtyp H1N1 zurück und verursachte eine vergleichsweise harmlose Pandemie, die russische Grippe. Die Ursache für den eher harmlosen Verlauf dieser Pandemie könnte u.a. in der noch teilweise bestehenden Immunität älterer Menschen gegen diesen Subtyp liegen.

Niemand weiß, wo und wie der Subtyp H1N1 die Zwischenzeit, in der er nicht als Erreger der Grippe beim Menschen beobachtet wurde, überdauert hat. Vor seiner Rückkehr haben neue Subtypen die alten immer verdrängt. Doch seit 1977 treten die Subtypen H1N1 und H3N2 simultan bzw. im unvorhersagbaren Wechsel auf und sind auch heute noch für Grippe-Epidemien verantwortlich.

Jederzeit kann durch einen weiteren antigenic shift ein neuer Subtyp entstehen, der die nächste große Pandemie auslösen könnte. Als wahrscheinlichster Entstehungsort für einen gefährlichen neuen Subtypen, der aus der Genomvermischung von menschlichen und tierischen Influenza-Viren hervorgeht, gilt der asiatische Raum. Die dort üblichen Organisationsformen in der Tierhaltung mit engem Kontakt zwischen verschiedenen Tierarten und den Menschen bilden günstige Voraussetzungen für die parallele Infektion einzelner Individuen mit Influenza-Viren unterschiedlicher Herkunft.

Literatur

(1997): Die humanen Influenzaviren. In: Molekulare Virologie. S. Modrow D. Falke (Hrsg.). Spektrum Akademischer Verlag , 253-259
Laver, W. G.; Bischofberger, N.; Webster, R. G. (1999): Entwaffnung von Grippeviren. In: Spektrum der Wissenschaft. 3 , 70-70
Schmidt, M. (1999): Grippeimpfung - Jetzt ist die richtige Zeit!. In: PTA heute. 13 , 901-907
Henschel, U.; Elleringmann, S. (2001): Die Jagd nach H1N1. In: GEO. 2 , 15-42
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