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Rezeptorassoziierte Krankheiten

Hyperekplexie - Defekte des inhibierenden Glycin-Rezeptors

Geschichte

Etwa um das Jahr 1880 berichteten Wissenschaftler von den "Jumping Frenchmen of Maine", einer ganzen Gruppe von zumeist Holzfällern, die auf Schrecksituationen mit plötzlichem falling like a log reagierten und überhaupt sehr merkwürdige Verhaltensweisen zeigten. Die betroffenen Patienten kamen beispielsweise unsinnigen, unvorhersehbaren Befehlen sofort nach - aber nur, wenn dieser Befehl wirklich überraschend kam. Ähnliche Beobachtungen wurden auch von Menschen aus Malaysia, manchen Regionen in Afrika oder Sibirien berichtet und beschreiben wohl typische Symptome der Hyperekplexie.

Hyperekplexie

Die Hyperekplexie (auch Startle-Krankheit oder Stiff baby-Syndrom genannt) ist eine in Deutschland eher seltene Erkrankung und gehört zu den Übererregbarkeitssyndromen. Die familiäre Hyperekplexie beruht meistens (aber nicht ausschließlich) auf einer autosomal dominanten Mutation im Gen für die (ligandenbindende) α1-Untereinheit des Glycin-Rezeptors (GLRA1), es gibt aber auch autosomal rezessive oder spontane Mutationen. Diese Rezeptoren werden nicht mehr in die Plasmamembran eingebaut, zeigen Defekte in der Ligandenbindung oder der Chlorid-Leitfähigkeit oder unterscheiden sich im Hinblick auf ihre Desensitivierungskinetik.

Funktionsstörungen der inhibitorischen Glycin-Rezeptoren führen generell zu Krämpfen und hypertonen Bewegungsstörungen. Die Hyperekplexie ist klinisch von ähnlichen Syndromen schwer abgrenzbar und wird oft als epileptisches Leiden fehldiagnostiziert.

Klinisches Bild

Kinder mit Hyperekplexie fallen schon gleich nach der Geburt durch ihre extreme Schreckhaftigkeit auf, die mit starkem Zittern der Arme und Beine einher geht. Ihre Hände sind verkrampft, die Finger lassen sich passiv kaum strecken, der Kopf ist starr nach hinten gebeugt (Opisthotonus-Haltung). Die Kinder schreien häufig und zeigen extreme Schreckreaktionen, bei denen die Arme weit auseinandergerissen werden. Diese startle reaction wird häufig auch als Moro-Reflex bezeichnet, wobei die startle reaction aber nur die erste Phase des Moro-Reflexes, bei der die Arme reflexartig auseinander gerissen werden, umfasst.

Der Moro-Reflex ist eine ganz normale Reflexreaktion in den ersten Lebensmonaten eines Säuglings, verschwindet aber nach und nach spätestens in der zweiten Hälfte des Säuglingsalters und lässt sich dann nur noch in extremen Schrecksituationen (lauter Knall, grelle Lichtblitze o.ä.) auslösen. Bei der Hyperekplexie ist diese Reaktion aber so intensiv, dass sie der Krankheit ihren Namen (startle disease) verliehen hat. Das Krankheitsbild der extremen Verspannung ähnelt oft dem von Kindern, die Hirnhautentzündung hatten oder während der Geburt einem Sauerstoff-Mangel ausgesetzt waren. Die Kinder müssten häufig über Sonden ernährt werden, da die stark erhöhte Spannung auch die Gesichtsmuskulatur erheblich beeinträchtigt. Zudem neigen diese Kinder zu Nabel- und Leistenbrüchen, da der Druck der Bauchmuskulatur stark erhöht ist.

Die extrem angespannte Muskulatur und die heftige startle reaction nimmt mit zunehmendem Lebensalter ab, tritt aber immer wieder in Phasen großer Anspannung oder in Stresssituationen auf. Die Betroffenen fallen einfach um und verletzen sich dabei oft, da die normalen Abstützbewegungen der Arme oder Hände fehlen. Auch die Feinmotorik bleibt beeinträchtigt.

Therapie

Behandelt wird mit den antiepileptischen Medikamenten Clonazepam oder Valproat, mitunter auch mit Clobazam.

Genetik

Bei der angeborenen Form der Hyperekplexie liegt eine Mutation im Gen für die α1-Untereinheit des Glycin-Rezeptors (GLRA1) vor. Der Glycin-Rezeptor besteht aus 4 α-Untereinheiten und eine β-Untereinheit. Befindet sich an der Kontaktstelle zwischen α- und α2-Untereinheit ein Threonin- statt eines Prolin-Restes, ist die Transmitterfunktion der Nervenzellen in den basalen Hirnabschnitten wie dem Hirnstamm, der Formatio retikularis und auch im Rückenmark und damit das Heranreifen der höheren Hirnstrukturen beeinträchtigt. Mittlerweile sind zahlreiche Mutationen beschrieben, die zur Hyperekplexie führen. Einen genauen Überblick über die bisher entdeckten Mutationen gibt es hier: Omim-Datenbank, ID: 138491 (OMIM: Online Mendelian Inheritance in Man).

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